Crack Signals – ein Aufruf zum Abenteuer

Die Fähigkeit zur Wahrnehmung von Crack Signals spielt eine entscheidende Rolle bei allen Wachstums- und Entwicklungsprozessen. Wer die frühen Anzeichen bevorstehender Krisen erkennt, kann diese Umbrüche nicht nur abfedern, sondern zugleich ein neues Mindset entwickeln, das in der Krise nicht das Ende sieht, sondern den Übergang zu etwas Neuem.

„Alles, was einen Anfang hat, muss auch einmal ein Ende haben“, „Alles, was fliegt, muss irgendwann landen“: Auch wenn wir dazu neigen, solche Sprüche als Binsenweisheiten abzutun – sie verweisen doch auf eine elementare Tatsache, die wir in ihrer radikalen Konsequenz nicht ignorieren können. Denn früher oder später werden Dinge, Situationen, Beziehungen Risse bekommen und brechen, und es wird der Moment kommen, wo es nicht mehr aufwärts geht, sondern abwärts. Wo wir nicht mehr „mehr werden“ und wachsen, sondern weniger werden.

Risse, Destrukturierungen und Ab-Brüche sind faktische Erscheinungen eines Prozesses, der nicht nur das individuelle Leben kennzeichnet, sondern ebenso Gesellschaften, Unternehmen und Volkswirtschaften charakterisiert. Denken wir an Produkt-Lebenszyklen oder disruptive Innovationen: Sie stellen nichts anderes dar als Ein-Schläge, Unter-Brechungen, die uns einen bislang begehbaren Weg versperren. Heute erleben wir viele solcher Brüche – auch wenn nicht ganz klar ist, wie viele davon nur in unseren Köpfen stattfinden (das werden die Historiker retrospektive sagen können). Aber so oder so: Wenn ein Weg uns nicht mehr weiter begehbar erscheint, müssen wir den Pfad verlassen und neue Wege finden: Wir sind aufgerufen, uns zu verändern und weiterzuentwickeln.

Die Fähigkeit, immer wieder solche Lernzyklen zu durchlaufen – von Beginn und Wachstum bis zu Höhepunkt und Bruch –, ist das, was wir unter Resilienz verstehen. Genau dies gilt es zu befördern und zu trainieren. Dazu zählt nicht nur die Frage, wie wir mit Brüchen umgehen, sondern auch, woran wir erkennen, dass ein Prozess an sein Ende kommt: dass Dinge sich einer Schwelle, einer Grenze nähern, die das gesamte Gefüge zur Veränderung zwingt.

Es ist eine alte Weisheit der Seefahrer, dass die Antworten auf stürmische Wellen nicht Maßnahmen zur Verhinderung der Wellen sind, sondern der Bau besserer Boote. Die Frage, mit welchen Booten, mit welchen Geräten und Tools wir uns ausstatten, um unsere stürmische und schneidende Gegenwart mit all ihren „Cracks“ zu durchlaufen hat viele Facetten. Denn praktisch alle Herausforderungen unserer Gegenwart benötigen gute Ausstattung. Es beginnt bei unserem „Mindset“: bei unseren Grundsätzen und Prinzipien, die bestimmen, wie wir mit Krisen, Brüchen, Überraschungen und Enttäuschungen als Einzelperson, Unternehmen und als Gesellschaft umgehen

Alles ist möglich, solange das Blatt Papier noch weiß ist.

Ein Resilienzzyklus birgt eine tiefgreifende „frohe Botschaft“, nicht unähnlich der ägyptisch-griechischen Mythologie des Phoenix, der aus der Asche aufsteigt: Jede Krise ist kein absolutes Ende, sondern Übergang zu etwas Neuem, Anderen. Krisen sind nicht das generelle Ende der Geschichte, sondern das Ende einer spezifischen Geschichte. Sie sind ein Scheitelpunkt in einer Kurve hin zu einem neuen, anderen Zyklus. Die Freisetzung von Komplexität bereitet den Boden, damit etwas Neues in die Welt kommen kann. Denn nur zu Beginn sind die systemischen Beschränkungen gering: Die Interdependenzen und Attraktoren, die die Entwicklungsrichtung beeinflussen und festlegen, sind noch nicht etabliert. Alles ist möglich, solange das Blatt Papier noch weiß ist. Mit dem ersten Wort, das dann darauf geschrieben wird, gibt es bereits Ausschlüsse, sind bestimmte Entwicklungsrichtungen vorgegeben.

So schmerzhaft und kränkend Zusammenbrüche und Krisen sind, so sind sie auch mit der Eröffnung neuer Spielräume verbunden. In einer Welt wie der unseren, die voller Krisen zu sein scheint, ist diese Form des Krisenverständnisses besonders heilsam, da sie im Kontrast zur apokalyptischen Endzeitstory steht. Nach der Krise ist nicht der Abgrund, sondern der Aufbruch, die Chance – und die Notwendigkeit, wieder Pionier zu werden. Die Tatsache, dass wir in vielen Bereichen unserer Welt in Einbahnstraßen feststecken – Finanzsysteme, Abhängigkeit von fossilen Brennstoffen, Neo-Nationalismen etc. –, kann Panik vor dem Zusammenbruch auslösen. Sie kann aber auch die positive Botschaft enthalten, dass wir aufgerufen sind, wieder zu Pionieren zu werden. Ja, dass wir im Unterschied zu den vorhergehenden Generationen der Boom- und Wachstumsphasen die Chance haben, wieder Pioniere werden zu dürfen. In diesem Sinne sollten wir die Crack Signals unserer Zeit als das lesen, was sie sind: ein Aufruf zum Abenteuer. Ein Aufruf, gemeinsam neue Wege zu gehen.

Harald Katzmair promovierte in Sozialwissenschaften und Philosophie und ist Dozent sowie Forscher an verschiedenen Universitäten. Er ist Gründer und Direktor des auf Social Network Analytics & Strategies spezialisierten Unternehmens FASresearch in Wien. Mit seinem Unternehmen und als Vortragender überträgt er für Entscheidungsträger aus der Wirtschaft Erkenntnisse aus der Resilienztheorie und Netzwerkforschung in die Felder Leadership, Entscheidungsfindung und Business Development.

Sein Ziel ist es, Unternehmen in der Transformation zu begleiten und dabei zu unterstützen, in einer stetig komplexer werdenden Welt zu navigieren.

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