Das Wagnis, einen eigenen Stil zu entwickeln

Es ist bedauerlich, dass die aktuellen Social-Media-Algorithmen Menschen noch immer nach Ähnlichkeiten verbinden. Die algorithmisch induzierten Echoeffekte in den Communities tragen nicht nur maßgeblich zur verminderten Resilienz der „User“ bei, sondern auch zur politischen und kulturellen Radikalisierung. Dagegen würden Algorithmen, die User hinsichtlich ihrer Komplementarität verbinden, die Möglichkeit schaffen, voneinander zu lernen und füreinander im besten Sinne nützlich und wertvoll zu sein.

Der schleichende Verlust des eigenen Stils ist eines der wichtigsten Crack Signals.

Einen ähnlichen Echoeffekt finden wir in der Imitation der Businessmodelle. Die Nachahmung von Vorbildern – etwa Google, Apple, Facebook oder Uber – anstelle des Wagnisses, einen eigenen Stil zu prägen, ist wenig hilfreich: Denn je mehr wir uns mit anderen vergleichen, desto verwechselbarer und austauschbarer werden wir. Auch der schleichende Verlust des eigenen Stils, des organisationskulturellen USP, ist daher eines der wichtigsten Crack Signals.
Die durch Imitation des Mitbewerbers oder Vorbilds ausgelöste mimetische Krise führt früher oder später nicht bloß zu einer ausgewachsenen Identitätskrise. Es droht auch der Burn-out. Denn nur dort, wo wir mit der „Sinn-Quelle“ dessen, was uns ausmacht und antreibt, in Kontakt bleiben, können wir die Kräfte mobilisieren, die uns auch Durststrecken überwinden helfen. Wer das eigene „Warum“ beantworten kann, wird auch für das „Was“ eine Antwort finden. Wer dagegen nachäfft, wird unmündig bleiben, wird keine Selbstwirksamkeit und damit kein Selbstvertrauen erfahren. Frank Sinatra hat in seinem ganzen Leben keinen Song selbst komponiert – aber jeden Song so interpretiert, dass er ihn quasi zu seinem eigenen machte. Es geht eben nicht darum, sich zum Silicon-Valley-Typen zu klonen, sondern um eigene Wege und den eigenständigen Gebrauch der Vernunft.

Wer sich seiner spezifischen Identität bewusst ist, der wird als stimmig wahrgenommen und erzeugt Wirkung.

Nur wer seine eigene Stimme, seinen eigenen Stil findet, wird bei anderen Resonanz erzeugen, einen Unterschied machen. Das „I did it my way“ muss zu einem „We got our own first principles!“ werden. Wer sich seiner spezifischen Identität bewusst ist und seine individuelle Einzigartigkeit von Erfahrungen, Geschichten, Erlebnissen mit den Entwicklungen der Welt in Beziehung setzen kann, der wird Kohärenz erfahren, der wird als stimmig wahrgenommen. Und nur wer stimmig ist, erzeugt Wirkung. In einer globalisierten Umwelt ist die „eigene Stimme“ kein Zeichen von Provinzialismus, sondern Ausdruck von Bezogenheit und der Fähigkeit, das Lokale mit dem Globalen und das Globale mit dem Lokalen zu verbinden.

Das Wagnis, einen eigenen Stil zu entwickeln, sich selbst und anderen zu vertrauen, geht einher mit einer Ermächtigung zu dezentraler Entscheidungsfindung. Ist die Lagebeurteilung abgestimmt, das Netzwerk divers und komplementär aufgestellt und ein eigener Stil gefunden, dann können und dürfen Entscheidungen auch nicht mehr nur noch zentral und top-down gefällt werden.

Harald Katzmair promovierte in Sozialwissenschaften und Philosophie und ist Dozent sowie Forscher an verschiedenen Universitäten. Er ist Gründer und Direktor des auf Social Network Analytics & Strategies spezialisierten Unternehmens FASresearch in Wien. Mit seinem Unternehmen und als Vortragender überträgt er für Entscheidungsträger aus der Wirtschaft Erkenntnisse aus der Resilienztheorie und Netzwerkforschung in die Felder Leadership, Entscheidungsfindung und Business Development.

Sein Ziel ist es, Unternehmen in der Transformation zu begleiten und dabei zu unterstützen, in einer stetig komplexer werdenden Welt zu navigieren.

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