Kompetent entscheiden mit Rough Data

Die zunehmende technologische Beschleunigung der Welt führt zu immer mehr unvorhersehbaren Phänomenen und Überraschungen. Die plötzliche Umkehr von Konjunkturtrends, das manisch-depressive Kippen der Stimmung in der Bevölkerung, völlig unerwartete Innovationen und Deskriptionen von bislang absolut unbekannten Akteuren, neue, unerwartete Formen des Terrorismus und Extremismus: All dies sind Phänomene einer hypervernetzten, globalisierten Weltgesellschaft, in der die Erfahrungen und Daten der Vergangenheit immer weniger prognostischen Wert haben.

Der Hype rund um Big Data nährt hier falsche Hoffnungen. Big-Data-Analysen sind nützliche Werkzeuge für komplizierte Systeme, nicht aber für komplexe Systeme, deren überraschende Wendungen trotz aller Versprechungen der Anbieter auch in Zukunft nicht prognostiziert werden können. Vorhersagbarkeit gibt es nur dann, wenn Systeme wachsen und die Umwelt stabil ist. Wenn nun aber die Prognosefähigkeit abnimmt, weil die Systeme immer häufiger unerwartete Haken schlagen, wird die agile und robuste Reaktion im Hier und Jetzt umso wichtiger.

Fehlt das gemeinsame Bild, werden es externe Propheten und Gurus sein, die ihre Bilder der Zukunft verkaufen.

Damit wird die Fähigkeit, Muster und Tendenzen in der gegebenen Situation zu lesen, also das strategische Mapping des Situationspotenzials, zu einer Schlüsselfähigkeit: Wer kann seine Handlungs- und Strategiefähigkeit auch im Zeitalter der Multiplizitäten aufrechterhalten – und wer nicht? Umgekehrt gibt es keine eindeutigeren Crack Signals für eine Organisation als die zunehmende Unfähigkeit des Management-Teams, gemeinsam in sehr kurzer Zeit eine Interpretation der Lage durchzuführen. Wer nicht mehr gemeinsam und abgestimmt wahrnehmen und verstehen kann, wird sehr bald von einer stürmischen Wirklichkeit aufgerieben werden.

Um Lagebeurteilungen inmitten einer sich verändernden, hochmobilen Landschaft und robuste Entscheidungen angesichts unvollständiger, sich stets verändernder Daten treffen zu können, braucht es neue Methoden, neue Settings, wie in Zukunft Entscheidungen getroffen werden können. Vielversprechend sind hierbei Situation-Room-Methoden wie der Analytische Netzwerk Prozess, Sensitivitätsanalysen, Teilnehmendes Co-Management oder Systems-Dynamic-Methoden, die aus dem Feld von Operations Research, Design Thinking und Urban Planning stammen. Sie basieren auf der Erfahrung, dass es in einer Krisensituation mit vielen plötzlich und schlagartig auftretenden „Cracks“ die „Rough Data“ – also unscharfe Daten – sind, die die Komplexität der Situation hinreichend beschreiben. Diese „unscharfen Daten“ werden in der Organisation gemeinsam und ad hoc mit den Organisationsmitgliedern und Stakeholdern erzeugt. Es kommt also in einem horizontal gemischten, diversen Team zu einer synchronisierten Einschätzung der Situation (shared sitational awareness).

Wesentlich in einer Welt der tanzenden Landschaften ist die Fähigkeit, die Kräfte des Netzwerks zusammenzuhalten.

Aus der gemeinsamen, synchroniserten Lagebeurteilung erwächst auch ein gemeinsamer Richtungs- und Zukunftssinn: Gemeinsame Ziele sind in Phasen des Umbruchs das Ergebnis eines gemeinsamen Gegenwartssinns – und nicht umgekehrt. Fehlt das gemeinsame, wenn auch bloß unscharfe Bild, werden es externe Propheten, Gurus und Berater sein, die ihre Bilder der Zukunft verkaufen. Ein Umstand, der unmittelbar wieder die Handlungsfähigkeit der Akteure fragmentiert und schwächt.

Wesentlich in einer Welt der tanzenden Landschaften und der Möglichkeit zum permanenten Wechsel ist also die Fähigkeit, die Kräfte der Truppe, des Netzwerks zusammenzuhalten. Das bedeutet auch: jenen, die vor Ort die Erfahrungen machen, Entscheidungskompetenz zu geben. Das Zentrum erhält so eine neue Rolle und wird immer mehr zu einem Interface, das lokales Wissen global macht und globales Wissen wieder an die Peripherie trägt – dorthin, wo Veränderungen und Disruptionen tatsächlich erfahren und erlebt werden.

Harald Katzmair promovierte in Sozialwissenschaften und Philosophie und ist Dozent sowie Forscher an verschiedenen Universitäten. Er ist Gründer und Direktor des auf Social Network Analytics & Strategies spezialisierten Unternehmens FASresearch in Wien. Mit seinem Unternehmen und als Vortragender überträgt er für Entscheidungsträger aus der Wirtschaft Erkenntnisse aus der Resilienztheorie und Netzwerkforschung in die Felder Leadership, Entscheidungsfindung und Business Development.

Sein Ziel ist es, Unternehmen in der Transformation zu begleiten und dabei zu unterstützen, in einer stetig komplexer werdenden Welt zu navigieren.

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