Handeln Sie immer so, dass Beziehungen gelingen können!

Stellen Sie sich vor, Sie haben 15 Kilogramm Kohle, vier Kilogramm Stickstoff, ein Kilogramm Kalk, ein halbes Kilogramm Phosphor sowie Schwefel, 200 Gramm Salz, 150 Gramm Kaliumchlorid und kleinere Mengen von rund 15 weiteren Chemikalien. Dazu noch vier bis fünf Eimer Wasser. Was machen Sie damit?

Nun, Sie könnten allerhand daraus herstellen: Drogen, ein Feuerwerk – und theoretisch auch einen Menschen. Das Problem bei Letzterem: Auch wenn Sie dieses Material, aus dem ein Mensch besteht, vor sich hätten, wären Sie nicht in der Lage, es so zu organisieren, dass daraus ein Mensch wird. Niemand wäre das, doch seltsamerweise gibt es uns dennoch. Das Gesetz, welches dahinter steckt, ist das wichtigste Naturgesetz der Evolutionsgeschichte: das Gesetz der Selbstorganisation.

Das Rätsel Mensch: Mehr als die Summe der Einzelteile

Dieses gesamte Material weist derart komplexe Beziehungen untereinander auf, dass wir nicht in der Lage sind, es zu rekonstruieren. Das Material schaffte es aber von ganz alleine. Am Anfang gab es nicht mehr als ein paar Atome, die Beziehungen eingingen. Daraus wurden Moleküle, die Beziehungen eingingen. Daraus wurden wiederum komplexere Moleküle, die erneut Beziehungen eingingen. Es entwickelten sich Einzeller, die ebenfalls Beziehungen eingingen. Und daraus wurden Vielzeller und irgendwann Lebewesen, die heute als Menschen bekannt sind und unterschiedliche Fähigkeiten besitzen.

Das Ungeheuerliche ist, dass diese Fähigkeiten nicht in diesem Material enthalten sind, wohl aber im Beziehungsmuster dieses Materials. Bis heute weiß niemand genau, wie dieser Prozess abgelaufen ist, was genau passieren musste, damit sich die Einzelteile genau so miteinander verbinden, damit dieses tote Material zum Leben erwachte. Hinter dieser Emergenz, der Erkenntnis, dass jeder von uns mehr als die Summe seiner Einzelteile ist, steht ein ganz wesentlicher Handlungsimpuls zum Umgang mit Komplexität.

Bindungen und Muster: Grundlage der Komplexität

Ein komplexes, dynamisches System wird Überraschungen produzieren, weil es sein Wesen ist, Überraschungen zu produzieren, und Sie brauchen die Fähigkeit, auf Überraschungen reagieren zu können. Dafür müssen Sie aber nicht ständig etwas Neues erfinden, sondern lediglich das Material, über das Sie bereits verfügen, auf eine konstruktive Art und Weise miteinander in Beziehungen bringen. Deshalb lautet der wichtigste Handlungsimpuls in Sachen Komplexitätsbewältigung: Handeln Sie immer so, dass Beziehungen gelingen können! Denn Sie können diese Selbstorganisationsprozesse nicht herstellen, aber Sie können eine Atmosphäre schaffen, in der Beziehungen gelingen können.

Bindungen einzugehen und neue Muster zu kreieren, das ist dieser schöpferische Impuls, der in allem zu liegen scheint. Selbst Technik neigt dazu, Bindungen einzugehen. Wenn Sie so handeln, dass Beziehungen gelingen können, dann haben Sie das beste Werkzeug an der Hand, um an komplexen Situationen nicht zu verzweifeln und nach einem Crack völlig am Boden zu liegen, sondern wieder Neues aufzubauen.

Werte begünstigen das Gelingen von Beziehungen

Der zweite Handlungsimpuls betrifft das Thema Werte, nicht zu verwechseln mit Traditionen. Traditionen sind der Versuch, bekannte Muster zu erhalten, das kann auch etwas Schönes sein, aber es hat mit Werten nichts zu tun. Werte sind Haltungen, die vom Geben bestimmt sind. Der Wert der Familie besteht darin, dass sich Menschen begegnen, die sich gegenseitig etwas geben wollen und die bereit sind, dafür ihre Interessen zurückzustellen. Ein Interesse ist etwas, das ich haben will, ein Wert ist indes etwas, das ich geben will. Sie können durchaus eine Familie haben wollen, aber spätestens, wenn Sie Kinder bekommen, dann merken Sie, dass dieses Habenwollen nicht ausreicht, um den Wert der Familie zu stabilisieren. Denn hinter diesen Werten steckt immer eine paradoxe Ökonomie, das Habenkönnen entsteht durch das Gebenwollen. Das können Sie nicht instrumentalisieren. Sie können nur eine Familie haben, wenn Sie eine Familie geben wollen. Werte sind immer Haltungen, die sich und die anderen im Blick behalten, die das größere Ganze im Blick haben. Das gilt für die Familie im kleinen Rahmen, aber auch für andere Werte, wie Gerechtigkeit oder Freiheit.

Werte sind Haltungen, die das Gelingen von Beziehungen unterstützen und sie setzen einen geistigen Rahmen, in den sich die Dynamik der Komplexität hineinentfalten kann. Hätte sie keinen Rahmen, dann würde uns das alles um die Ohren fliegen.

Schuld vs. Verantwortung

Der dritte Impuls ist die Unterscheidung zwischen den Begriffen Schuld und Verantwortung. Ich gebe Ihnen ein Beispiel: Vor vielen Jahren hatte ich mit der IT-Abteilung in einem großen Schweizer Kommunikations-Unternehmen zu tun, die ein gigantisches Überstundenkonto aufwies. Die Analyse zeigte, dass die meiste Zeit durch Diskussionen darüber verloren ging, wer eigentlich schuld an den auftretenden Fehlern war. Daraufhin hat sich die Abteilung eine Policy gegeben, nie wieder darüber zu diskutieren, wer Schuld sei, sondern nur mehr darüber, wie man das aufgetretene Problem am schnellsten gemeinsam lösen könne. Das Problem war so aus dem Weg geschafft und es wurde enorm viel Zeit und Geld eingespart. Dieses Beispiel zeigt, dass Verschiebungen im Kopf häufig die Lösung für Probleme bereithalten, die zuvor unlösbar erschienen.

Das Denkmuster, das hinter dem Prinzip steckt, immer nach dem Schuldigen zu suchen, ist unser Glaube, dass jede Wirkung einer Ursache folgt. Wir suchen den Verursacher, meistens bringen aber 100 Ursachen gemeinsam eine Wirkung hervor. Wir können also ohnehin nicht allen auf die Schliche kommen. Deshalb ist es sinnvoll, die Begriffe Schuld und Verantwortung zu trennen, denn oft müssen Sie Verantwortung für Dinge übernehmen, die Sie selbst nicht verursacht haben.

Trennen Sie die Begriffe Schuld und Verantwortung, beschäftigen Sie sich damit, eine Haltung zu entwickeln, die zu geben bereit ist. Und handeln Sie immer so, dass Beziehungen gelingen können.

Dr. Natalie Knapp macht es sich zur Aufgabe, unser Denken klarer, facettenreicher und beweglicher zu machen. Sie weckt die Aufmerksamkeit und Faszination für Zeiten der Übergänge und Unsicherheiten in unserer Gesellschaft, in der Natur und in unserem persönlichen Leben. Denn sie ist überzeugt, genau hier liegt das große Potenzial, Zukunft zu entwickeln – wenn wir die richtige Einstellung dazu entwickeln. Mit ihren Vorträgen zeichnet sie präzise und erhellende Landkarten in die Köpfe ihrer Zuhörer, die den Blick wieder mehr öffnen und für Zuversicht sorgen.

Knapp ist Gründungsmitglied des Berufsverbandes für philosophische Praxis, Mitglied im Expertennetzwerk der Liechtenstein Academy und im Umweltbeirat der Umweltbank. Neben Ihrer Tätigkeit als Beraterin für Führungskräfte und Vortragende arbeitet sie als erfolgreiche Autorin. Zuletzt erschien ihr Buch »Der unendliche Augenblick: Warum Zeiten der Unsicherheit so wertvoll sind« beim Rowohlt-Verlag.

Alle Insights von Natalie Knapp