Komplex ist kompliziert in dynamisch

Das Wort ‚komplex’ hat sich erst vor etwa zehn Jahren in unsere Alltagssprache eingeschlichen. Seither benutzen wir komplex und kompliziert – und meinen dabei ungefähr dasselbe, auch wenn die beiden Begriffe sehr Unterschiedliches bedeuten.

Nehmen wir ein einfaches Beispiel: Fußball. Beim Fußballspiel gibt es sehr simple Regeln. Beispielsweise, dass ein Tor erzielt wird, wenn der Ball die Torlinie zwischen den Torpfosten und unterhalb der Querlatte vollständig überquert. Es gibt aber auch Regeln, die sehr viel komplizierter sind, wie die Abseitsregel. Ein Spieler befindet sich in einer Abseitsstellung, wenn er sich mit irgendeinem Teil des Kopfs, Rumpfs oder der Füße in der
gegnerischen Hälfte befindet und dabei mit einem dieser Körperteile der gegnerischen Torlinie näher ist als der Ball und der vorletzte Gegenspieler. Strafbar ist diese Abseitsstellung allerdings nur, wenn besagter Spieler aktiv in das Spiel eingreift, was durch eine Vielzahl von Aktionen der Fall sein kann. Dazu kommen noch Ausnahmen, die greifen, wenn der Ball per Abstoß oder Einwurf ins Spiel gebracht wurde. Diese Regel ist kompliziert, weil sie viele Komponenten enthält, aber nicht komplex, weil diese festgelegten Komponenten des Fußballspiels auf eine festgelegte Art miteinander in Beziehung stehen.

Kompliziertes Regelwerk, aber komplexes Spiel

Komplex wird es, wenn gespielt wird. Wieder gibt es viele Komponenten, die miteinander in Beziehung stehen. 22 Spieler, ein Schiedsrichter, Assistenten, Trainer, Fans, das Wetter, der Platz und noch viele andere. Sie alle stehen ständig miteinander in Beziehung. Das Interessante an diesen Komponenten ist, dass sie sich permanent verändern. Die Komponenten der Regel bleiben immer gleich, aber die Komponenten des Fußballspiels verändern sich während des Spiels. Ein Spieler verletzt sich leicht, spielt aber weiter – er ist nicht mehr genau derselbe Spieler wie vor der Verletzung. Vielleicht muss er ausgetauscht werden; er wird nie identisch ersetzt. Oder es wird ein Tor wegen Abseits aberkannt, Spieler und Fans fühlen sich benachteiligt, die Atmosphäre verändert sich. Das gesamte Spiel wird durch solche Überraschungen beeinflusst und es gibt keine Möglichkeit, den Spielverlauf vor dieser Überraschung wiederherzustellen.

Wir haben es hier mit vielen Komponenten zu tun, die auf eine dynamische und rückgekoppelte Weise miteinander in Beziehung stehen. Während wir es bei einem komplizierten System mit festgelegten Komponenten und festgelegten Beziehungen zu tun haben. Kurz gesagt: Komplex ist kompliziert in dynamisch.

Fußball ist kein Schweizer Uhrwerk

Wenn Sie ein kompliziertes System haben, dann reicht es Ihnen, genügend Wissen über dieses System und genügend Technik zu besitzen, um dieses System zu kontrollieren und Überraschungen zu vermeiden. Nehmen wir ein Schweizer Uhrwerk, ein sehr kompliziertes System, in dem viele kleine Rädchen ineinandergreifen. Aber wenn Sie sich jahrelang mit diesem Uhrwerk beschäftigen, dann haben Sie es verstanden und können jede Uhr mit diesem Uhrwerk reparieren, weil die Rädchen immer gleich ineinander greifen, die Komponenten und Beziehungen immer dieselben sind.

Für das Fußballspiel gilt das nicht. Es gibt keine Möglichkeit, genügend Wissen und Technik anzusammeln, um sicher sein zu können, dass Sie das nächste Spiel gewinnen, denn jedes Spiel findet nur ein einziges Mal statt. Wenn Sie sich jetzt fragen, wie Sie während eines Spiels Überraschungen verhindern können, dann ist das schlicht und einfach die falsche Frage, weil es zum Kern, zum Wesen komplexer, dynamischer Systeme gehört, Überraschungen zu produzieren. Sie müssen auf Überraschungen reagieren können und Sie müssen Überraschungen produzieren können. Das ist es, was in komplexen, dynamischen Systemen von Ihnen gefordert wird. Ein Fußballspiel, in dem es keine Überraschungen gibt, ist ein katastrophales Fußballspiel.

Katastrophen und Anastrophen: Überraschungen sind das Wesen der Komplexität

Es geht also sehr viel mehr darum, zu lernen, auf Überraschungen zu reagieren und Überraschungen zu produzieren, als Systeme zu kontrollieren und Wissen anzusammeln. Wissen und Technik werden natürlich auch gebraucht – all die guten Fußballer bringen das mit, sie haben trainiert, Standardsituationen analysiert, etc. Aber die zusätzliche Anforderung des Fußballs – und der komplexen Systeme unserer alltäglichen Welt – ist die Qualität, auf Überraschungen zu reagieren und sie zu produzieren.

Wir verbinden mit dem Begriff Überraschung oft die Katastrophe, aber es gibt dazu auch einen Gegenbegriff: die Anastrophe. Er bezeichnet eine plötzliche Wendung zum Guten und wird interessanterweise überhaupt nicht verwendet. Dabei gibt es in Wirklichkeit beides gleichermaßen immer wieder. Wir haben nicht mehr Katastrophen als Anastrophen, wir haben nur mehr Berichterstattung über Katastrophen. Die Überraschung ist nicht grundsätzlich etwas Entsetzliches und zu Vermeidendes, sondern eine Kernkomponente des 21. Jahrhunderts.

Dr. Natalie Knapp macht es sich zur Aufgabe, unser Denken klarer, facettenreicher und beweglicher zu machen. Sie weckt die Aufmerksamkeit und Faszination für Zeiten der Übergänge und Unsicherheiten in unserer Gesellschaft, in der Natur und in unserem persönlichen Leben. Denn sie ist überzeugt, genau hier liegt das große Potenzial, Zukunft zu entwickeln – wenn wir die richtige Einstellung dazu entwickeln. Mit ihren Vorträgen zeichnet sie präzise und erhellende Landkarten in die Köpfe ihrer Zuhörer, die den Blick wieder mehr öffnen und für Zuversicht sorgen.

Knapp ist Gründungsmitglied des Berufsverbandes für philosophische Praxis, Mitglied im Expertennetzwerk der Liechtenstein Academy und im Umweltbeirat der Umweltbank. Neben Ihrer Tätigkeit als Beraterin für Führungskräfte und Vortragende arbeitet sie als erfolgreiche Autorin. Zuletzt erschien ihr Buch »Der unendliche Augenblick: Warum Zeiten der Unsicherheit so wertvoll sind« beim Rowohlt-Verlag.

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