Warum uns das 21. Jahrhundert so fordert

Was hat sich in der Welt verändert, dass wir heute den kleinen Begriff ‚komplex’ so häufig verwenden? Man könnte meinen, es hat sich eigentlich nichts geändert. Überraschungen gab es zu jeder Zeit, weil das Leben immer schon komplex war. Aber es hat sich tatsächlich auch etwas verändert, und zwar in Bezug auf den Komplexitätsgrad. Der Grad an Komplexität hat mit der Menge an Komponenten zu tun, die dynamisch miteinander rückgekoppelt sind, und diese haben sich im Laufe des 20. Jahrhunderts enorm gesteigert. Dabei gab es vier große Entwicklungen, die uns dorthin geführt haben, wo wir heute stehen.

Vervielfachung der Erdbevölkerung

1950 waren wir auf der Erde zwei Milliarden Menschen. Heute sind wir mehr als sieben Milliarden Menschen. Wir haben 200.000 Jahre Menschheit gebraucht, bis wir zwei Milliarden waren und weitere 65 Jahre, bis wir sieben Milliarden waren. Jeder von uns sieben Milliarden will essen, sich kleiden und irgendwo wohnen. Und wir alle nehmen die Ressourcen, die wir dafür brauchen, von ein und demselben Planeten – über diesen Planeten sind alle Menschen miteinander rückgekoppelt.

Globalisierung der Wirtschaft und Märkte

Die zweite große Entwicklung, die Globalisierung, setzte etwa um 1985, ein. 1980 war es einem Arbeiter in Berlin egal, was ein Arbeiter in China verdiente. Heute sind diese beiden Komponenten miteinander rückgekoppelt. Wenn Sie 1980 auf die Bank gingen, dann hat man Ihnen vielleicht drei Anlageprodukte empfohlen, und man hätte jedem Zehnjährigen erklären können, was sich dahinter verbirgt. Heute verstehen die Banker selbst nicht mehr genau, welche Produkte sie Ihnen da verkaufen. Bei Banken stehen Regale voller Ordner mit Produkten, die sich alle aufeinander beziehen. Gerade bei Übernahmen von Banken kommt es nicht selten vor, dass erst nach Jahren der Analyse gesagt werden kann, wie die Angebote miteinander in Beziehung stehen und aufeinander einwirken. Eine Garantie wird dafür aber nicht übernommen. Das ist die Situation der dynamischen Komplexität bei Finanzprodukten, in der wir uns jetzt im Moment befinden.

Flächendeckendes Internet

Vor dem Jahr 2000 hatten die meisten Privathaushalten keinen Zugang zum Internet. Heute haben Sie den überall und Milliarden von Menschen stehen über dieses Netz 24 Stunden am Tag miteinander in Beziehung. Sie sind miteinander rückgekoppelt und das bringt eine Menge Überraschungen hervor. Wir haben das etwa bei der Manipulation der US-Wahlen gesehen. Vieles dieser Dynamiken ist emotional noch gar nicht bei uns angekommen. Wir gehen noch unheimlich naiv an sie heran, weil wir noch nicht richtig begriffen haben, was dieses Anwachsen an rückgekoppelten Faktoren eigentlich für Auswirkungen haben kann. Wunderbare Auswirkungen, schreckliche Auswirkungen – auf jeden Fall aber Überraschungen.

Anwachsen von Freiheitsgraden

Die vierte große Entwicklung zog sich, mit kleineren Unterbrechungen, über das gesamte 20. Jahrhundert: ein enormes Anwachsen von Freiheitsgraden. Jeder von uns darf ständig wichtige Entscheidungen treffen. Wenn Sie ein Mann im 18. Jahrhundert waren, dann durften Sie, wenn es hochkam, vielleicht zwei wichtige Dinge entscheiden: Ihren Beruf – sofern Sie nicht jenen Ihres Vaters weiterführen mussten – und vielleicht Ihre Ehefrau. Einen Mann hätten Sie schon einmal nicht heiraten dürfen. Als Frau konnten Sie vielleicht mehr oder weniger frei über Ihren Gemahl entscheiden, wobei die hinsichtlich Alter und Stand infrage kommenden Kandidaten in einem kleinen Dorf überschaubar waren. Optional konnten Sie natürlich noch ins Kloster gehen. Überraschungen waren auf dem Heiratsmarkt rar, heute haben wir internationale Partnerbörsen und Datingapps. Sie können sich nicht sicher sein, ob Ihre Kinder nächste Woche noch bei Ihnen um die Ecke wohnen oder sich nach Hongkong verheiraten. Und das ist nur ein Lebensbereich, der zeigt, dass das Ansteigen von Freiheitsgraden mit dem Anwachsen von Komplexität zutun hat.

Dr. Natalie Knapp macht es sich zur Aufgabe, unser Denken klarer, facettenreicher und beweglicher zu machen. Sie weckt die Aufmerksamkeit und Faszination für Zeiten der Übergänge und Unsicherheiten in unserer Gesellschaft, in der Natur und in unserem persönlichen Leben. Denn sie ist überzeugt, genau hier liegt das große Potenzial, Zukunft zu entwickeln – wenn wir die richtige Einstellung dazu entwickeln. Mit ihren Vorträgen zeichnet sie präzise und erhellende Landkarten in die Köpfe ihrer Zuhörer, die den Blick wieder mehr öffnen und für Zuversicht sorgen.

Knapp ist Gründungsmitglied des Berufsverbandes für philosophische Praxis, Mitglied im Expertennetzwerk der Liechtenstein Academy und im Umweltbeirat der Umweltbank. Neben Ihrer Tätigkeit als Beraterin für Führungskräfte und Vortragende arbeitet sie als erfolgreiche Autorin. Zuletzt erschien ihr Buch »Der unendliche Augenblick: Warum Zeiten der Unsicherheit so wertvoll sind« beim Rowohlt-Verlag.

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